Meine große fette japanische Hochzeit

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Meine große fette japanische Hochzeit 2016-10-22T01:49:38+00:00

Eine traditionelle japanische Hochzeit

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Geheiratet wurde dann in Kyoto – im Heianjingu. Das ist ungefähr so, wie wenn du in Österreich im Stephansdom heiratest. Dieser Wunsch war natürlich auf meinem Mist gewachsen. Als ich nämlich das erste Mal in Kyoto war und den Heianjingu besucht habe, war auch gerade eine traditionelle japanische Hochzeit. Und, ob du mich verrückt hältst, oder nicht – ich hatte da ein sehr komisches Gefühl. Es war, als wäre es ein Bild aus meiner entfernten Vergangenheit, melancholisch und schön zugleich. So als hätte ich in der Vergangenheit so eine Szene schon mal selbst erlebt. Besonders die traditionelle Musik, die das Brautpaar auf dem Weg ins Heiligtum begleitete. Dort dürfen übrigens keine Fotos bzw. Videos gemacht werden – es gibt also sozusagen keinen Bildbeweis für Außenstehende, was da drin passiert – zumindest nicht von meiner big fat Japanese wedding.

Was da drin passierte, war Folgendes: Mein Mann las eine Schriftrolle vor, wo unser beider Ehe-Gelübte vor den Göttern (in dem Fall die shintoistischen Götter) geschrieben stand. Dann wurden ihm und mir von den Mikos (in Rot-Weiß traditionell gekleidete Schreinmädchen) kleine wunderschön verzierte Sake-Schälchen überreicht. Dieses Schälchen darf man nicht auf einmal austrinken. Einmal, zweimal jeweils ein bisschen nippen und beim dritten Mal dann austrinken bzw. zumindest einen kleinen Schluck nehmen, wenn man nicht unbedingt ein Sake-Fan ist. Aber keine Angst. Solltest du eine traditionelle japanische Hochzeit als Ausländer haben: es findet vorher eine Besprechung statt, wo der Ablauf genau erklärt wird.

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Überhaupt bist du gerade als Frau der Star der Hochzeit. Das fängt schon an bei der Auswahl der ganzen Details. Wir waren damals bei einer Hochzeitsmesse direkt für den Heian-Jingu. Dort suchte ich mir meine zwei Hochzeitskimonos aus, einen Weißen mit goldenen Kranichen und einen Rosaroten. Was gleich zwei Kimonos? Ja, schließlich musst du die Gäste unterhalten. Ein Kimono alleine genügt da nicht. Nach der Halbzeit – also meist nach der religiösen Zeremonie ziehst du dich um bzw. wirst du von deinem Team nochmal in Schale geworfen. Dann werden die goldenen Türen geöffnet und du schwebst den Bankettsaal hinein.

Zurück aber zur Hochzeitsmesse. Dort stehen sie alle aufgefädelt für dich. Der Zuckerbäcker, der Florist, das Fotografenteam, Stylistin, Frisörin… du brauchst dann nur noch von einem zum nächsten gehen und die Details für deine Hochzeit ausmachen. Welche Torte, welche Speisenfolge, welche Frisur, welcher Schminkstil, welcher Hut (ich nahm keinen, da mir die Juni-Hitze schon so genug war), welche Musik, welches Foto- und Videoset. Innerhalb von 2-3 (extrem anstrengenden) Stunden hast du alle Details für deine Hochzeit ausgemacht – superpraktisch. Auch die Einladungen werden für dich verschickt bzw. kannst du dies selbst übernehmen, wie du möchtest.

Da die Familie meines Mannes aus Saitama kommt (gleich nordwestlich von Tokyo), ist Kyoto – auch mit dem Shinkansen – kein Katzensprung. Als Paar bist du für die Unterbringung aller Gäste zuständig bzw. bezahlst auch die Unterkunft und die Belustigung, die an dem Tag geplant ist. Bei uns war das ein Workshop für traditionelle japanische Süßigkeiten im Kyoto-Stil. Damit du eine Vorstellung für die Kosten so einer Hochzeit bekommst: die Kimonos sind nicht zum Verkauf, sondern „nur“ zum Verleih für die Hochzeitszeremonie. Für den Mietpreis eines Kimono bekommst du 2 schöne Hochzeitskleider bei uns. Man heiratet idealerweise ja nur einmal und mir das sehr wichtig. Auch wenn von meiner Verwandtschaft keiner zur Hochzeit kommen konnte, so war doch eine gute Freundin aus Österreich eingeflogen und meine Lieblingslehrerin von der Uni in Tokyo ließ es sich auch nicht nehmen, dabei zu sein.

Wie war also der Hochzeitstag?

Wir fuhren vom Hotel bis zum Schrein mit dem Taxi. Auf die Frage des Taxifahrers, was wir denn im Heianjingu in der Früh schon machen würden, gaben wir bereitwillig Antwort. Er meinte, er hätte es sich bereits gedacht, dass wir wegen einer Hochzeit dorthin wollten.

Mittlerweile waren wir beim Schrein angekommen. Der Heian-Jingu ist übrigens ein Nachbau des Kaiserpalastes in der Heian Zeit, 2/3 der Größe. Der ursprüngliche Palast war nach chinesischem Vorbild errichtet worden. Heian-Kyo ist der Name von Kyoto in der Heian Zeit (794–1185). Davor war übrigens Nara die Hauptstadt Japans. In der Heian Zeit hatte Kyoto ca. 100.000 Einwohner – größer als europäische Hauptstädte zu jener Zeit.

Hier eine interessante Info, falls du mit dem Gedanken spielst, eine traditionelle japanische Hochzeit zu halten: solange eine Person des zukünftigen Ehepaares Japaner ist, ist eine traditionell japanische Hochzeit im Shintostil möglich. Zwei Ausländer sind da schon schwieriger – auch wenn sie perfekt Japanisch können. Der Grund, der dafür angegeben wird, ist, dass gerade während der Zeremonie eine sehr schwierige Sprache und Kanji verwendet werden, die man als Nichtjapaner nicht versteht. Und ich gestehe – die Wörter und Zeichen in der Schriftrolle waren wirklich sehr seltene – auch mein Mann hatte Schwierigkeiten, sie zu lesen. Gut, dass er bei der Besprechung noch genau gesagt bekam, was da stand und wie es zu lesen sei. In letzter Zeit gibt es auch schon Organisationen, die Ausländer dabei unterstützen, eine traditionelle japanische Hochzeit zu feiern.

a0001Nun kam eine lange Zeit des Stillhaltens für mich. Ich wurde für die Hochzeit hergerichtet. Eine Dame für die Haare, eine fürs Make-up, eine für den Kimono und seine extra Layer. Danach hättest du mich wohl nicht mehr wiedererkannt. Mein Mann brauchte nur in seinen schwarzen Hochzeitskimono hineinschlüpfen und war fertig. Naja, wer schön sein will, muss leiden.

Ach ja, habe ich schon erwähnt, dass wir im Juni geheiratet haben? Wer im Sommer in Japan war, weiß: es ist heiß und feucht. Ich fühlte mich mit meinen 3 Schichten wie in einer Sauna. Zusätzlich noch die hohen Schuhe (Geta) in Kombination mit einigen Stiegen und die selbstauferlegte Folter war perfekt.

Und dann ging es zur ersten Station – der Erklärung von Ablauf und weiteren Details zur Hochzeitszeremonie. Von Anfang an wurden wir vom Fotografenteam begleitet. Fragt mich nicht, wie oft ich für die Kamera lächeln musste. Kopf hierhin, Hand und Fächer da. Ja genau, sehr schön. Ich kam mir wie bei einem Fotoshooting vor –das war es auch. Und dann ging es endlich in die Zeremonienhalle. Ablauf wie vorher beschrieben: Sake x 3 und Austausch der Ringe. Ringe sind zwar nicht traditionell japanisch, haben sich seit den 70er Jahren mehr und mehr zu einem essentiellen Teil einer japanischen Hochzeit gemausert. Übrigens ist Japan weltweit der zweitgrößte Markt für Diamanten. Es war es schon etwas komisch, vor den japanischen Göttern ewige Treue zu schwören. Ich habe mich vorsorglich gleich bei ihnen entschuldigt, sollte ich einen groben Schnitzer während der Zeremonie begehen (was nicht passiert ist). Ich habe ihnen auch gesagt, dass ich mich bemühen werde, meinem Mann einen nach meinen europäischen Vorstellungen und Möglichkeiten eine passende und liebevolle Ehefrau zu sein. Schließlich bin ich keine Japanerin. Aber das wusste mein Mann ja schon.

Besonders hatte ich den Großvater meines Mannes irgendwie in meiner Vorstellung. Als ich das erste Mal bei der Ito Familie übernachtet habe, wurde mir gesagt, sollte ich etwas Komisches sehen oder hören, das wäre der Großvater. Als Gast wurde ich traditionell im Tatamizimmer untergebracht – dort wo der Hausaltar ist – ausgestattet mit Bild vom geliebten Opa, kleinen Sakeschälchen und Räucherstäbchen. Und tatsächlich war da für eine Moment etwas :P, wenn auch wahrscheinlich nur in meiner Einbildung.

So, endlich ging es ans Essen – naja fast. Jetzt war es für mich an der Zeit, mich in die zweite Schale des Tages zu schmeißen – der rosa Kimono stand am Plan. Auch der wurde mir mit Bravour übergeworfen und ich konnte auch endlich den Saal mit den wartenden Gästen betreten. Komisch, wenn dann alle Augen auf dich gerichtet sind und du deinen Platz neben deinem Nun-Ehemann einnimmst.

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Jetzt ging es aber erst so richtig zur Sache – denn die Gäste wollen unterhalten werden. Das beginnt meist mit Erzählungen, wie sich das Brautpaar kennen gelernt hat – inkl. Bildern. Dann erzählt man den anderen ein bisschen von seiner Kindheit, seinem Werdegang – natürlich wieder inkl. Bildern. Ich hätte wohl gleich eine Powerpointpräsentation anlegen sollen.

Dieser Teil soll die zwei Familien, also die Familie der Braut und die vom Bräutigam näher zusammenbringen. Die japanische Hochzeit ist nicht bloß eine Heirat der zwei Eheleute, sondern zweier Familien.

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Dementsprechend haben nicht nur wir Geschichten erzählt. Auch die anderen gaben Stories zum Besten, etwa über die Kindheit oder andere Erinnerungen. Mein Sensei hatte eine meiner Aufsätze mitgenommen und las einen Teil daraus vor. Es ging um eine Beschreibung meiner japanischen Lieblingsstadt – Kyoto. Ich fand es erstaunlich, dass sie anscheinend alle Aufsätze ihrer Schüler aufgehoben hatte.

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Nach all den mehr oder weniger peinlichen Fragen, die wir noch gestellt bekamen, ging es an den nächsten Punkt: das Anschneiden der Hochzeitstorte. Ach ja, zwischendurch hatten natürlich alle bereits zu essen begonnen, nur mein Mann und ich kamen irgendwie nie zum Essen. Ständig mussten wir etwas erzählen, höflich nicken oder Fragen beantworten. Natürlich durften wir auch nicht essen, wenn jemand anderer eine Rede hielt. Und derweil stand das superleckere Essen vor meinen Augen. Hätte mein Mann kein Stück Torte für mich aufgehoben, hätte ich nicht mal meine eigene Hochzeitstorte kosten können.


Der Schluss des offiziellen Teils war dann das Verabschieden der Gäste. In Japan bekommt nicht nur das Brautpaar Geschenke (in Japan sind dies meist Kuverts mit Geld), auch die Gäste bekommen etwas. Traditionell ist dies etwas, das einen Bezug zur Familie hat und im besten Fall etwas Selbstgemachtes. Da die Mutter meines Mannes Porzellan- und Keramikmalerin ist und ein Porzellangeschäft sowie eine Malschule betreibt, haben wir uns für Porzellantassen entschieden. Diese haben wir dann mit kleinen japanischen Motiven – ich liebe Momiji (das japanische Herbstlaub, besonders der japanische Ahorn) verziert und dann unsere Namen mit Goldstift auf der Unterseite verewigt. Schwiegermami hat die Fertigstellung übernommen – sie hat sogar einen professionellen Brennofen. In ihrem Geschäft habe ich des Öfteren ausgeholfen.

a0051Endlich aus dem heißen, wenn auch unendlich schönen Gewand raus und wieder in die Alltagskleidung rein. Dann waren wir beim Wagashi Workshop (japanische traditionelle Süßigkeiten) und wie es sich für Japan gehört, waren wir Karaokesingen. Da wir keine besonders große Hochzeitsgesellschaft waren, war der Tag mit seinem geschäftigen Ablauf viel angenehmer, als es sonst ist – und auch kostengünstiger. Normalerweise hat man dann mit den vielen gleichaltrigen Gästen nach der Party mit den Familienmitgliedern noch eine extra Abendparty, wo wieder, du ahnst es, die Gäste unterhalten werden müssen.

Hättest du auch gern eine traditionelle japanische Hochzeit?